Focus

03. April 2010
Pendeln, bis der Arzt kommt
Erschienen in: Focus

Pendeln, bis der Arzt kommt

Backpulverpaste, Plazenta-Saft, Handauflegen: Selbst ernannte Heiler genießen unter Spitzenathleten hohes Ansehen. Oft droht böses Erwachen

Mystisch war die Prozedur zweifel- los, der sich Robin van Persie unterzog. Plazenta-Flüssigkeit vom Pferd, glaubte Wunderheilerin Mariana Kovacevic, kann dem außer Gefecht gesetzten Fußballprofi wieder auf die Beine helfen. In 15 Pflichtspielen hatte der Niederlän- der acht Tore für den englischen Club FC Arsenal erzielt. Bei einem Freundschaftsspiel seiner Nationalmannschaft gegen Italien verletzte sich der 26-jährige Ausnahmespieler vergangenen November am Sprunggelenk. Die Ärzte rechneten mit mehreren Monaten Pause, doch van Persie wollte nicht warten. Noch im gleichen Monat flog er nach Belgrad. Heilerin Kovacevic wollte sein Gelenk mit dem Plazenta-Saft massieren und versprach sofortige Genesung.

Die Belgraderin gehört zu einer wunderlichen Gruppe von Geschäftemachern, die sich im Umfeld des Profisports tummeln. Bioenergetiker nennen sie sich, Mental-Coach, Selbstheilungsmanager oder einfach nur Wunderheiler. Ihr Erfolgsrezept ist schlicht: Sie versprechen, langwierige Verletzungspausen drastisch verkürzen zu können – eine Hoffnung, der hochbezahlte Sportler allzu gern erliegen. Schließlich bedeuten Zwangspausen für Top-Athleten oft auch einen schmerzlichen Verdienstausfall und Dämpfer für ihre Karriere. Die Methoden der Medizinmänner jedoch sind bestenfalls bizarr, bisweilen sogar gefährlich.

Einer der wenigen Profis, der offen darüber spricht, ist Markus Miller. Im Oktober 2007 riss dem Torhüter vom Bundesligisten Karlsruher SC das hintere Kreuzband im rechten Knie. Ihm drohte mindestens ein halbes Jahr Pause. Miller entschied sich gegen eine Operation und vertraute auf den Osteopathen Mohamed Khalifa, gebürtiger Ägypter mit Sitz im österreichischen Hallein.
s Erstligisten 1. FC Köln, vertraut auf übersinnliche Heilkräfte
Das Ergebnis war auf den ersten Blick sensationell: „Ich bin mit einer Schiene in die Praxis gehumpelt und hinausgejoggt“, erzählt der Fußball-Profi nach dem Besuch. Schon nach der Hälfte der angekündigten Genesungszeit hütet Miller wieder das Tor.

Ein Wunder will Marcus Schweizer darin nicht sehen. Der Mannschaftsarzt des Karlsruher SC erklärt: „Das hintere Kreuzband ist nach wie vor gerissen.“ Intakt ist nur noch das vordere Kreuzband, entsprechend instabil ist Millers Knie. „Ich habe es oft genug in meinen Händen“, so der Mediziner. Für Khalifas vermeintliche Blitzheilung hat Schweizer eine nüchterne Erklärung: „Ich bin mir sicher, dass Mohamed Khalifa ein guter Osteopath ist. Er kann bestimmte Punkte mit seinen Händen erfühlen und Schmerzimpulse für wenige Stunden unterdrücken. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Khalifa wende Handgriffe an, die schon lange bekannt seien. Nur verkaufe er sie anders.

Er scheint ein guter Verkäufer zu sein. In der Kundenkartei des Ägypters finden sich Namen wie Roger Federer, Boris Becker, Sergej Bubka, Franziska van Almsick und Steffi Graf. Seine Patienten, egal, ob prominent oder nicht, müssen eine hohe Schmerztoleranz mitbringen. Viele beschreiben die Sitzungen als qualvoll. Gefürchtet sind seine kräftigen Hände. „Khalifa führt eine Art operativen Eingriff mit den Fingern durch“, sagt ein ehemaliger Patient. Seine Werkzeuge trainiert der Ägypter mit Ausdauer. Jede Nacht steht er um drei Uhr auf und absolviert 400 Liegestützen auf den Fingern. Danach bereitet er sein wundersames Tagwerk vor. Persönlich erklären will er es nicht. Interview-Anfragen blockt der 62-Jährige kategorisch ab.

Holger Fischer dagegen redet gern und vor allem viel. Sein offensives Eigenmarketing hat ihm unter anderem die Spitznamen „Psycho-Glatze“ oder „Profi-Flüsterer“ eingebracht. Mit derartigen Titeln könne er nichts anfangen, sagt Fischer. Aber seine genaue Berufsbezeichnung hat der gebürtige Stuttgarter selbst noch nicht gefunden. Sicher ist für ihn nur: Es gibt ein übergeordnetes Heilsystem im menschlichen Körper. „Jede Verletzung hat einen psychischen Ursprung. Diesen Ursprung suche ich zusammen mit dem Klienten und setze Selbstheilungsprozesse in Gang.“

Was dann in den Räumen seiner schmucken 20er-Jahre-Villa im baden-württembergischen Balingen genau geschieht, kann Fischer nur schwer erklären. Er ringt nach Worten und möchte seriös wirken. Mal aktiviere er Selbstheilungskräfte mit seinen Händen, mal gebe es Bewegungseinheiten, mal führe er ausschließlich Gespräche. Ein Muskelfaserriss wurde demnach an einem Tag geheilt, ein Bandscheibenvorfall binnen wenigen Stunden.

Fischers Dienste kann jeder in Anspruch nehmen. Der Stundensatz bewegt sich im unteren dreistelligen Euro-Bereich. Bekannt geworden ist der schlaksige Typ durch sein Wirken im Profi-Fußball. Luxuskarossen mit Stuttgarter, Münchner oder Kölner Kennzeichen parken oft vor seinem frisch renovierten dreistöckigen Eigenheim. Bei solch gut betuchten Klienten ist ein höherer Stundensatz fällig. Laut eigenen Angaben arbeitet Fischer aktuell mit 80 Spielern aus der Fußball-Bundesliga. Jedoch zählen auch Tennis- Stars, Popsänger und Wirtschaftsmanager zu seinen Kunden. Wenige stehen dazu. In Fischers Arbeitszimmer hängen Trikots mit Danksagungen von Maik Franz (Eintracht Frankfurt) und Andreas Görlitz (Bayern München).

Fischers Weg in die Alternativmedizin begann mit einem Schock. Im Alter von 29 Jahren fielen dem 1,93-Meter-Hünen alle Körperhaare aus. „Kein schönes Erlebnis für einen Mann Ende 20“, sagt der heute 47-Jährige. Der Balinger leidet an der sogenannten Alopecia universalis. „Die Ärzte konnten das Phänomen zwar benennen, es aber nicht erklären und mir schon gar nicht helfen. Da wurde mir klar, das es eine Wahrheit abseits wissenschaftlicher Theorien geben muss.“ Er begann, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen, blieb zunächst allerdings Kadertrainer für den Tennisnachwuchs.

Mit Mitte 30 glücken ihm, wie Fischer angibt, die ersten Spontanheilungen. Kopfschmerzen seien bei seinen vier Kindern durch bloße Berührung und gutes Zureden verschwunden. Daraus kreierte Fischer sein lukratives Geschäftsmodell – zum Missfallen der etablierten Sportmedizin.

„Wunderheilungen gibt es nicht“, sagt Herbert Löllgen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. Auch Robin van Persie erlebte in Belgrad nicht das erhoffte Mirakel und ließ seinen Knöchel am Ende doch operieren. Ob er bei der WM in Südafrika zum Einsatz kommt, bleibt fraglich. Ge- gen seine Heilerin Mariana Kovacevic ermittelt inzwischen die serbische Gesundheitsbehörde. Die Belgraderin steht im Verdacht, nicht genehmigte Therapien angewendet zu haben.

In den vergangenen Jahren sind die Therapien in der Orthopädie zwar deutlich besser geworden. Bänderrisse in Sprunggelenken etwa werden heute nicht mehr wie früher operiert und wochen- lang eingegipst, sondern meist mit einer leichten Schiene stabilisiert. Kniesehnen flicken Chirurgen inzwischen oft minimal invasiv – mit entsprechend besserer Wundheilung. Dennoch benötigt der Körper ein Mindestmaß an Zeit, bis beschädigtes Gewebe wieder den Belastungen im Spitzensport standhält – ob mit Handauflegen oder ohne. „Ein Muskelfaserriss braucht eben ein bis zwei Wochen, um vollständig auszuheilen“, sagt Löllgen. Wer das nicht abwartet, riskiert Spätfolgen. „Ich kenne Sportler, die sind froh, wenn sie noch schmerzfrei auf dem Sofa sitzen können.“

Vor solchen Szenarien will KSC-Teamarzt Schweizer seinen Schützling Miller bewahren: „Auf Dauer wird das Knie die Belastung nicht aushalten, ein Knorpelschaden ist so gut wie sicher.“ Der 27-jährige Torhüter will davon nichts wissen. Unmissverständlich gibt er zu verstehen: „In erster Linie bin ich Fußball-Profi im Hier und Jetzt.“ Eine Operation komme für ihn derzeit nicht in Frage.

Nicht jeder der Top-Atheleten muss allerdings lange zu seinem Heiler reisen. Manche Vereine haben ihren Guru direkt im Haus. Bayer Leverkusen etwa beschäftigte 32 Jahre lang den für seine ungewöhnlichen Behandlungen bekannten Physiotherapeuten Dieter Trzolek. Im Sommer 2008 warb ihn der 1. FC Köln ab. In der Szene ist der 62-Jährige als „der Druide“ bekannt. Spieler wie Rudi Völler, Michael Ballack oder Zé Roberto lagen bei ihm schon auf der Pritsche.

„Ich verdamme die Schulmedizin auf keinen Fall“, sagt der weißbärtige Heiler. „Bei einer Mandelentzündung muss auch mal Penicillin zum Einsatz kommen.“ Lieber jedoch setzt Trzolek auf ein Naturheilkunde-Werk aus dem Jahr 1895: „Der Drogist“ von Johannes Cracau. Seit 1975 arbeitet er nach dessen Methoden. Blutegel etwa legt Trzolek bei Blutergüssen auf die ramponierten Kickerbeine. Er erhitzt Murmeltierfett, „um dem Gewebe möglichst schnell Flüssigkeit zu entziehen“. Zum gleichen Zweck verwendet er hin und wieder auch Kohlumschläge. Fast modern mutet da Backpulver im Kampf gegen Fußpilz an. Mit Wasser angerührt, trägt Trzolek es als Paste auf die befallenen Regionen.

Dass sich manche Kölner Kicker über Trzoleks Powerkekse, Cystus-Tabletten und sein berühmt-berüchtigtes Pendel mokierten, ficht den Physiotherapeuten nicht an. Als er noch in Diensten von Bayer Leverkusen stand, „hatten wir nicht umsonst ligaweit die wenigsten Verletzungen“, sagt er. Auch für seinen jetzigen Verein verkündet er gute Aussichten. Der 1. FC Köln bleibt diese Saison in der ersten Bundesliga, da ist Dieter Trzolek sich ganz sicher. Er hat es augependelt.