Luzerner

21. März 2010
Amman wird auch als Legende nicht abstürzen
Erschienen in: Neue Luzerner Zeitung


Ammann wird auch als Legende nicht abstürzen
Holger Fischer über die Zukunft von Simon Ammann

Simon Ammann hat in den vergangenen Wochen fast Unglaubliches geleistet. Seine Erfolge haben nicht nur in der Schweiz für Furore gesorgt, sondern auch in Deutschland, wo Ammann übrigens sehr viele Sympathien geniesst. Aber die grösste Herausforderung steht ihm jetzt erst bevor: Er muss lernen, mit dieser aussergewöhnlichen Vita zu leben. «Na ja», werden Sie jetzt vielleicht sagen, «das hört sich doch nicht allzu schwer an.»

Aber glauben Sie mir: Das ist es.

Zum einen ist da der öffentliche Rummel. Derzeit nimmt ihn Ammann noch gar nicht so richtig wahr, weil erst im Weltcup unterwegs war und nun voll auf die Skiflug-WM fokussiert ist. Aber sobald die Sommerpause losgeht, wird es über ihn hereinbrechen. Er wird zu jeder erdenklichen Art von Ehrungen eingeladen werden, Sponsorentermine haben, Interviews geben müssen und auf der Strasse von vielen Fans als Allgemeingut angesehen werden. Und immer wird er lächeln und nett sein müssen.

An diesem öffentlichen Druck sind schon viele Grössen gescheitert, unter anderem auch eine deutsche Skisprung-Legende. Sven Hannawald gewann als bisher einziger Sportler alle vier Springen der Vierschanzentournee. Danach wurde er von einem Berg an Erwartungen erdrückt. Plötzlich ging es für ihn nicht mehr nur darum, einfach gut zu trainieren und zu springen. Hannawald war eine Person des öffentlichen Lebens geworden, wie es so schön heisst. Darauf hatte ihn keiner vorbereitet. Und jeder, der ihn sah, sah auch, wie er darunter litt. Hannawald wirkte wie ein scheues Reh.

Ein Vorwurf, den man Ammann wirklich nicht machen kann. Er wirkt bei Auftritten nie, als durchleide er Höllenqualen. Im Gegenteil: Für mich als Aussenstehenden macht es immer den Eindruck, als komme er mit all dem Rummel bestens zurecht. Das ist schon mal eine sehr gute
 Voraussetzung für ein Leben als
 Legende.

Ein zweites Problem bleibt allerdings die Fallhöhe. Ammann ist ganz oben angelangt, höher geht es nicht mehr. Was er erreicht hat, ist nicht zu steigern, in 99 Prozent der Fälle nicht mal zu bestätigen. Und genau davor haben viele Athleten Angst.

Deshalb muss man sich neue Ziele setzen, die nur selten mit den Erwartungen der Öffentlichkeit identisch sind. Und die jeweiligen Sportler müssen wissen, dass es in der Natur des Sports liegt, dass es zwangsläufig zu Rückschlägen kommen wird. Nur so sind sie dann auch in der Lage, entsprechend darauf zu reagieren.

Natürlich könnte man sich im Falle von Ammann auch die Frage stellen: Warum hört er nicht einfach auf? Er hat doch schon alles erreicht.

Das ist tatsächlich eine Möglichkeit – aber mit 28 Jahren sicher nicht die einzige. Schliesslich sollte man nicht vergessen, dass die meisten Sportler vor allem eines antreibt: der Spass an dem, was sie schon als Kind mit Begeisterung getan haben. Und viele wissen auch, dass sie in ihrem Leben vielleicht nie wieder etwas so gut können werden. Das ist auch einer der Hauptgründe für die Flut an Comebacks, die wir gerade erleben. Es heisst nicht umsonst, dass Sport wie eine Droge ist. Viele Athleten kommen nicht davon los.

Obwohl ich ihn persönlich nicht kenne, bin ich zuversichtlich, dass Ammann weniger Probleme haben wird. Weder mit den Erwartungen noch mit der Zeit nach seiner Karriere, wann immer das sein wird. Denn erstens scheint es mir, als verfüge er über ein absolut intaktes Umfeld, das für eine Erdung sorgt, zweitens ist der Druck der Medien in der Schweiz nicht ganz so gross – und drittens kennt Ammann beide Seiten der Medaille. Er war 2002 nach seinen ersten Olympiasiegen ganz oben, später relativ weit unten. Wer das erlebt hat, kann die Dinge besser einschätzen als Sportler, die nur die Sonnenseiten des Geschäfts kennen. Ich denke, dass Ammann seinen Weg gehen wird. Auch als lebende Legende.


 * Holger Fischer (47) ist Mentalcoach und betreut seit Jahren etliche Spitzensportler und Showgrössen. Der Deutsche ist auch Autor des Buches «Sie sind Ihr bester Coach». – Internet: www.hfcoaching.de