Heiler und Pendler

19. NOVEMBER 2007
Heiler und Pendler
Erschienen in: Der Spiegel
Fußball: Bundesligaprofis konsultieren Anbieter alternativer Heilmethoden

Die Angst vor langwierigen Verletzungen, die den Marktwert oder die Karriere gefährden, treibt Bundesligaprofis nicht nur in Arztpraxen der Schulmedizin. Anbieter alternativer Methoden registrieren regen Zulauf. Ob Bioenergetik, Ruten oder Atemtankstellen - häufig zahlen die Vereine.

Die Fachwerkvilla ist hundert Jahre alt, sie steht in einer Gegend von Remscheid-Lennep, die man den Millionärshügel nennt. Wenn vor der Tür mal ein Porsche parkt, sorgt das hier nicht für Aufsehen.

Viele Klienten, die beim Mieter Holger Fischer am Fachwerkhaus klingeln, bleiben gern unerkannt. Fischer, 45, ein hochgewachsener, kahlköpfiger Mann mit Brille, empfängt hier im Bergischen Land Fußballprominenz aus der Bundesliga. 15 Profis betreut er derzeit, darunter Nationalspieler aus vier Nationen. Der freundliche Schwabe ist ein Fachmann für Selbstheilungsmanagement, so nennt er sein Metier. Es kommen auch Tennisspieler, ein Stabhochspringer, sein Talent spricht sich herum.

Fischer, ein früherer Tennistrainer, auch Mentalcoach mit Spezialgebiet Stressbekämpfung, hat vor rund fünf Jahren seine Begabung entdeckt. Er kann angeblich Regenerationszeiten verkürzen.Es geht darum, dass er Gespräche führt und dass er etwas mit seinen Händen macht, die Resultate klingen verwirrend. Ein Muskelfaserriss wurde angeblich in 24 Stunden geheilt, ein Bandscheibenvorfall war eine Sache von 2 Stunden, heißt es, 19 Tage nach einem Wadenbeinbruch habe ein Fußballer wieder Flanken geschlagen.

Das ist exakt die Gesprächsfrequenz, auf der Profisportler hellhörig werden. In den Fußballclubs können die Angebote des medizinischen Betreuerstabs noch so vielfältig sein, die wissenschaftlichen Apparaturen zur Leistungsdiagnostik und Prophylaxe noch so gigantisch: Wenn Verletzungen den Marktwert oder sogar die Karriere gefährden, drängt es die Spieler aus Verzweiflung zu den rätselhaftesten Anbietern alternativer Heilesoterik.

Egal, ob es sich um Placebos, um Alchimie, Schamanismus oder Pseudophysik handelt, die Versuchung ist groß, wenn der Mannschaftsarzt mit seinen Methoden nicht weiterweiß oder zumindest keine schnelle Rückkehr auf den Rasen garantiert. Nicht wenige Heilsverkäufer aus der sogenannten Komplementärmedizin erwerben das Vertrauen der Stars.

Den heilenden Händen von Holger Fischer zum Beispiel attestiert auch Oliver Schmidtlein, Fitnesstrainer der Nationalmannschaft, "sehr gute Ergebnisse", obwohl er die Wirkungsweise nicht erklären kann. Hannovers Bundesligatrainer Dieter Hecking empfiehlt ihn weiter, Ralf Rangnick wollte ihn einst bei Schalke 04 unterbringen, der frühere Manager Thomas Strunz beschäftigte Fischer eine Weile als Mentalcoach beim VfL Wolfsburg.

Fischer versetzt die Klienten - er sagt nie "Patienten" - in den sogenannten Alphazustand, eine Phase des Tagträumens. Vorher spricht er mit ihnen über ihr Problem und darüber, was sie so alles belastet. Dann lässt er sie auf der Liege Lösungssätze aufsagen oder im Kopf Bilder produzieren. So, sagt Fischer, komme er an die emotionale Ebene. Negative Informationen würden in positive umgewandelt. Der Manager der Selbstheilung ortet nun Punkte, auf die er mit den Fingerkuppen drückt oder die er zieht.

Zu Spontanheilungen komme es "eher selten". Es gehe darum, "zu spüren, wo das System Mensch bearbeitet werden möchte", sagt Holger Fischer. Er habe versucht zu verstehen, was er da eigentlich beherrsche. Er ist dann auf angebliche Parallelen zur Quantenphysik gestoßen und auf die Clustermedizin, die Heilimpulse zum Beispiel durch Klangtherapien setzt. "Ich ersetze keinen Arzt und keinen Physiotherapeuten. In der Formel 1 wäre ich einer, der die Software optimiert."

Nationalspieler wie Hannovers Mike Hanke und der Karlsruher Andreas Görlitz vertrauen ihm. Allein fünf Karlsruher Profis zahlten ihm seinen Stundensatz. Im Februar, sagt er, habe ein Spielerberater einen Klienten mit Depressionen geschickt. Der Fußballtrainer Klaus Berge hat drei Jahre beim FC Kleve in der Oberliga Nordrhein mit Fischer zusammengearbeitet und beschreibt dessen Arbeit so: "Er spürt, wo Energien nicht fließen, und dann macht er das wieder frei wie ein Rohrreiniger."

Man komme da in einen Bereich, "wo man an die Dinge glauben muss", sagt Werder Bremens Manager Klaus Allofs. Der frühere Nationalspieler, Europameister 1980, sitzt in einem Besprechungsraum des Bremer Weserstadions und muss lachen. Zu seiner Zeit habe es nur den Vereinsarzt gegeben, "und wenn nichts mehr ging, musste man zu Erich Deuser" - der war Masseur bei der Nationalmannschaft. Heute seien die Spieler viel besser informiert und stellten mehr Fragen, "getrieben von einer Ungeduld, auch in die Richtung: Wo werde ich noch schneller fit?"

Auch Bremen steht im Wettbewerb der Clubs um die Topstars der Branche, da geht es um Service. "Wir wollen unsere Spieler möglichst optimal betreuen", sagt Allofs, da können ein Psychologe oder ein Heilpraktiker mehr im Team ebenso entscheidend sein wie ein zusätzlicher Trainingsplatz oder ein Dienstwagen: "Der Spieler muss das Gefühl haben: Es wird alles getan, dass er sich wohl fühlt."

So rückte nun auch der Starnberger Bioenergetiker Kurt Schweinberger offiziell in den Werder-Betreuerstab, auf Wunsch einer Gruppe um Nationalspieler Torsten Frings, der ihn einst von Michael Ballack in München empfohlen bekam.

Schweinberger, 56, betrat bei der Weltmeisterschaft 2006 als "Wunder-Guru" den Boulevard. Ballack und Freunde ließen ihn nach Berlin kommen, Paparazzi fotografierten, wie die WM-Helden Tüten mit behandeltem Wasser über die Straße trugen. Das Wasser, hieß es, war mit positiven Schwingungen angereichert.

Jetzt bezieht der Therapeut vor Werder-Heimspielen stets eine Suite in einem Hotel am Bremer Bürgerpark, zu Auswärtsspielen fährt er manchmal im Mannschaftsbus mit. Schweinberger misst per Computer, wie er sagt, die Bioenergie. Bioresonanz nennt er sein Verfahren. Therapiegeräte nehmen über Elektroden sogenannte patienteneigene Schwingungen ab, die werden um 180 Grad elektronisch gedreht und zurückgeführt. Die pathologischen Schwingungen werden dabei eliminiert, sagen Therapeuten der Bioresonanz, die Krankheiten sozusagen gelöscht. Physikalisch sind diese Schwingungen jedoch nicht erfassbar, niemand kann beweisen, dass es sie gibt. Die Geräte erinnern an Lügendetektoren.

In Schweinbergers Bremer Suite sieht es wie in einem Tonstudio aus. Einige Zimmermöbel, Sofa, Sessel, hat er auf den Flur tragen lassen, zwischen Software und Elektroakupunkturgerät ist ein Matratzenlager entstanden. So habe er Platz, um drei Spieler gleichzeitig zu behandeln.

Schweinberger ist ein Kumpeltyp. "Kurti" nennt ihn Ballack, der ihn bei Entzündungen in seiner Starnberger Praxis "Vita Aurum" aufsuchte und auch schon seine Kinder vorbeibrachte, wenn sie erkältet waren. "Kurti", weiße Haare, buschige Augenbrauen, Schweißflecken auf dem Shirt aus der Segelbekleidung, redet von Ebbe und Flut, von Yin und Yang, vom Telefonieren mit Handys, als sei das ein Beweis.

Es gebe disharmonische Schwingungen, er könne Energien wieder in Einklang bringen. Er sieht nicht so aus, als wisse er wirklich, wie die Geräte mit den geheimnisvollen Namen EAV oder Rectec 3000 genau arbeiten, er war früher in der Fruchtsaftindustrie tätig. Ob seine Behandlung physisch wirke oder mental, sei ihm egal.

Werder zahlt. Schweinberger fährt mit einem Messingstift am Körper eines Probanden entlang, "Dickdarmmeridian", "Lungenmeridian", auch "Dickdarm drei". Patienten halten mit der Software verkabelte Messingkugeln fest, andere hören Frequenztöne aus dem Kopfhörer, wie Meeresrauschen.

Die meisten kommen zweimal die Woche für 25 Minuten. Patrick Owomoyela hatte einen Sehnenabriss im Oberschenkel, die Beschwerden gehen nicht weg. Bei Schweinberger, sagt er, "spüre ich: Es passiert etwas. Ich will gar nicht fragen, warum".

Werder-Manager Klaus Allofs sagt, zu seiner Zeit bei Olympique Marseille sei einmal ein Medizinmann in die Kabine gekommen. Der habe auch nicht geschadet.

Bei Bayer Leverkusen nennen sie ihren Vereinsmasseur Dieter Trzolek den Druiden. Trzolek, 60, arbeitet seit 1975 beim Werksteam, sein kleiner Behandlungsraum liegt hinter dem Entmüdungsbecken unter der Haupttribüne der BayArena. Im Regal steht das Buch "Der Drogist" von 1895. Trzolek weiß noch, dass Zwiebelfüllungen in Socken gegen Erkältung helfen, Blutegel gegen Blutergüsse.

Früher, sagt der Physiotherapeut und Heilpraktiker, sei seine Großmutter mit frisch gelegten Eiern zur Tante gerannt, und die habe mit einem Pendel das Geschlecht der Küken bestimmt. Er selbst hat einmal eine Geopathie-Prüfung abgelegt. In dieser Disziplin spürt man Wasseradern oder Erdstrahlen auf. Trzolek hat bei einem Bayer-Profi schon den Schlafplatz ausgemessen und daraufhin empfohlen, das Bett zu verschieben.

Manche Spieler rufen ihn Papa. Trzolek hilft bei Muskelverletzungen mit Nahrungsergänzungsmitteln, eine Zeitlang gab er Haifischknorpelpulver, das schmeckte den Profis aber zu sehr nach Fisch. Um zu bestimmen, welche Medikamente helfen, holt Papa Trzolek seine Einhandrute hervor - wenn sie senkrecht ausschlägt, als ob sie ein Kopfnicken andeutet, gilt das Mittel als unbedenklich.

Mit der Rute oder seinem Messingpendel sagt der Masseur auch Tagesform und Energie einzelner Spieler voraus. Das kann gut fürs Selbstvertrauen sein. Der nach England abgewanderte Stürmer Andrej Woronin küsste Trzolek manchmal nach einem Tor auf die Halbglatze. Seine Methoden, sagt Trzolek selbstironisch, hätten zumindest "keine Nebenwirkung".

Welche szenegängigen Heil- und Hilfsmittel überhaupt eine Wirkung haben, lässt sich manchmal kaum ermitteln. Der sogenannte Forscher Jörg Klemm etwa hat ein Gerät zur Atmungsergänzung entwickelt, das den Sauerstoff energiereicher machen soll und das er von einem Glasbau im rheinischen Hennef aus vertreibt. Die Zweitliga-Mannschaft des 1. FC Köln hat ein paar dieser Artikel abgenommen, mit Bayern München will Klemm in Verbindung stehen, mit deutschen Biathleten auch.

Solch ein Gerät, ein weißer Plastikkasten mit einem aufgesteckten Wasserbehälter, kostet je nach Ausführung 3000 oder 5000 Euro plus Mehrwertsteuer. Es heißt Airnergy. Klemm, 50, gelernter Heilpraktiker und früher Krankenpfleger, sagt, die Idee sei ihm vor 20 Jahren "begegnet".

Das Prinzip, angeblich der Fotosynthese ähnlich, gehe so: Die angesaugte Luft fließt über geheime lichtempfindliche Katalysatoren; dadurch verändert der Sauerstoff im Gerät seinen Zustand, er wandert vom einen in den anderen Zustand zurück. Dabei - so der Maestro - werde Energie frei, die von Wassermolekülen aus der aufgesteckten Flasche absorbiert wird.

Durch eine mitgelieferte "Atembrille", einen Schlauch, führt sich der Nutzer die energiereichen Moleküle durch die Nase. Der Organismus soll sie dann in Stoffwechselenergie transformieren - wie, das weiß auch der Erfinder nicht.

Empfohlen werden drei- bis viermal die Woche 21 Minuten Energietanken. Der Sportwissenschaftler Elmar Wienecke aus dem westfälischen Halle will nach Anwendung von Airnergy eine "deutlich verbesserte Leistungsfähigkeit" anhand von Blutlaktatwerten gemessen haben.

Die Vertriebsfirma ist nun trotzdem insolvent, eine Auffanggesellschaft will die Apparate weiter verkaufen. Balbir Singh, langjähriger Physiotherapeut von Michael Schumacher, ist Klemms Partner. 15 000 bis 20 000 Stück stehen weltweit bei Ärzten und Privatpersonen, sagt Klemm, ein hagerer Mann im roten Cordhemd.

Eines seiner Geräte steht in Trzoleks Behandlungszimmer in Leverkusen. Der Druide hat sich nicht befasst mit den mysteriösen Wunderkatalysatoren oder mit dem Wechselspiel zwischen Singulett- und Triplett-Zustand der Sauerstoffmoleküle. Er hat das so verstanden, dass der Kasten den Spielern bei Schnupfen hilft. Oben in die Befeuchterflasche träufelt er japanisches Heilpflanzenöl.

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